Schlagwort: Ehrenamt

  • Der Staat als Schutzschild: Wie Niedersachsen das Ehrenamt von der GEMA-Bürokratie befreit

    Der Staat als Schutzschild: Wie Niedersachsen das Ehrenamt von der GEMA-Bürokratie befreit

    Ich kritisiere auf diesem Blog oft, wo der Staat den Bürgern im Weg steht. Heute mache ich das Gegenteil: Ich erzähle von einem Fall, in dem er es richtig gemacht hat. Denn „Vertrauen statt Gängelung“ ist keine Parole gegen den Staat – es ist eine Beschreibung davon, wie er sich verhalten sollte. Und manchmal tut er es.

    Das Problem: Wenn das Dorffest zum Antragsmarathon wird

    Wer schon einmal im Vorstand eines kleinen Vereins ein Sommerfest, ein Jubiläum oder ein Schützenfest organisiert hat, kennt das mulmige Gefühl. Neben Zelt, Bier und Programm steht da noch eine Frage im Raum: die GEMA. Sobald Musik läuft, werden Gebühren fällig – und für einen Verein mit schmaler Kasse ist das ein schwer kalkulierbares Risiko, das ehrenamtliche Vorstände in ihrer Freizeit schultern müssen. Genau diese kleinen Hürden sind es, die Engagement zermürben, lange bevor irgendjemand aufgibt.

    Die Lösung: Das Land nimmt die Last auf sich

    Niedersachsen hat reagiert. Seit dem 1. November 2024 übernimmt das Land über einen Pauschalvertrag mit der GEMA die Gebühren für bis zu vier Veranstaltungen mit Musik pro Verein und Jahr. Im Startjahr standen dafür knapp 167.000 Euro bereit, in den Folgejahren bis zu eine Million Euro jährlich. Profitieren können gemeinnützige, mildtätige und kirchliche Vereine und Organisationen mit Sitz in Niedersachsen – also die Feuerwehrfeste, die Schützenvereine, die Landfrauen, die kirchlichen und sozialen Initiativen. Sportvereine, die im Landessportbund organisiert sind, sind übrigens ausgenommen – sie sind über eine eigene Vereinbarung zwischen DOSB und GEMA längst befreit.

    Das Schöne ist nicht nur das Geld, sondern das Prinzip dahinter. Der Verein meldet seine Veranstaltung vorab über das GEMA-Onlineportal an – und die Abrechnung läuft danach im Hintergrund zwischen Land und GEMA. Der ehrenamtliche Vorstand muss keine Tarife studieren, keine Vorkasse aus der Vereinskasse leisten, kein Risiko tragen. Der Staat stellt sich vor die Engagierten, statt ihnen Steine in den Weg zu legen. Das ist Ermöglichungsverwaltung, wie sie sein soll.

    Das Kleingedruckte – ehrlich gesagt

    Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht auch das Räderwerk benennen würde, das selbst hier noch mitläuft. Anmelden musst du auch das gebührenfreie Fest trotzdem – ohne Anmeldung keine Kostenübernahme. Es darf kein Eintritt verlangt werden (Spenden und der Verkauf von Speisen und Getränken sind aber erlaubt), die Fläche darf 500 Quadratmeter nicht überschreiten, und bei Live-Musik muss im Nachgang die Setlist eingereicht werden. Festivals, große Konzerte, Tanzkurse oder Umzüge fallen nicht darunter. Und es ist ein gedeckeltes Kontingent: Ist die vereinbarte Summe im Jahr aufgebraucht, gibt es bis zum Jahresende keine weiteren kostenfreien Anmeldungen.

    Das ist kein Grund zur Nörgelei – es ist ein guter, großer Schritt. Aber es zeigt eben auch: Selbst beim Bürokratieabbau bleibt ein Rest Verwaltung. Die ehrlichere Frage lautet ohnehin: Warum musste diese Last überhaupt erst so schwer auf den Schultern der Ehrenamtlichen liegen, dass ein Bundesland einspringen muss? Bayern macht es seit 2023 vor, Thüringen seit 2024 – die Richtung stimmt, sie dürfte nur mutiger und einfacher werden.

    Was du davon hast

    Wenn du in einem Verein in der Grafschaft oder anderswo in Niedersachsen aktiv bist und in diesem Jahr etwas mit Musik planst: Prüf, ob ihr die Voraussetzungen erfüllt, und meldet die Veranstaltung rechtzeitig im GEMA-Onlineportal an. Es kostet ein paar Minuten – und nimmt euch eine Sorge ab, die früher echtes Geld und schlaflose Nächte gekostet hat. Genau so sieht ein Staat aus, der seinen Bürgern vertraut.

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  • 25 Jahre Bürgerbus Nordhorn: Was passiert, wenn man Bürger einfach machen lässt

    25 Jahre Bürgerbus Nordhorn: Was passiert, wenn man Bürger einfach machen lässt

    Es gibt einen Bus in Nordhorn, der seit einem Vierteljahrhundert fährt – und das, obwohl ihn niemand fahren muss. Kein Verkehrsbetrieb, der dazu verpflichtet wäre, kein Konzern, der damit Geld verdient. Sondern Menschen aus der Stadt, die sich ans Steuer setzen, weil es jemand tun muss und sie es sein wollen. Der Bürgerbus Nordhorn e. V. feiert sein 25-jähriges Bestehen. Und sein Motto fasst eigentlich alles zusammen, worum es mir auf dieser Seite geht: „Bürger fahren Bürger.“

    Bürger fahren Bürger

    Die Linie 33 schlängelt sich von Brandlecht über Hesepe, Oorde und den Tierpark zum Bahnhof, weiter über Markt und Deegfelder Weg bis zum Rovenkamp. Auf dem Papier ist das eine Buslinie. In Wirklichkeit ist es ein Versprechen: dass auch der ankommt, der kein eigenes Auto hat. Getragen wird das Ganze nicht von einer Behörde, sondern vom Ehrenamt – das ist die tragende Säule, ohne die hier kein Rad rollen würde. Unterstützt von der Bentheimer Eisenbahn, dem Landkreis und einer Reihe regionaler Unternehmen, die als Sponsoren dabei sind. Das Konzept hat sich so bewährt, dass 2014 ein zweiter Verein dazukam: Der Bürgerbus Grafschaft Bentheim e. V. fährt seither sogar grenzüberschreitend nach Denekamp.

    Eine Lücke, die sonst niemand füllt

    Bürgerbusse sind ursprünglich eine niederländische Idee – der „Buurtbus“. In Deutschland startete das erste Angebot 1985 als Modellprojekt im Münsterland. Inzwischen gibt es allein in Nordrhein-Westfalen rund 150 solcher Vereine. Sie alle tun dasselbe: Sie schließen die Lücken, die das große Liniennetz lässt. Genau da, wo sich ein regulärer Bus betriebswirtschaftlich nicht rechnet und wo der Staat abwinkt, organisieren sich Bürger selbst. Für ältere Menschen, für Jugendliche, für alle, die nicht mehr oder noch nicht selbst fahren, ist dieser Bus oft der Unterschied zwischen Teilhabe und Zuhausebleiben. Das ist Subsidiarität, wie sie im Lehrbuch steht – nur dass sie hier nicht im Lehrbuch steht, sondern jeden Werktag pünktlich an der Haltestelle hält.

    Und dann kommt das Räderwerk

    Man könnte meinen, der Staat würde solchen Menschen jeden Stein aus dem Weg räumen. Tut er nicht immer. Wer ehrenamtlich einen Bürgerbus fahren will, braucht einen Personenbeförderungsschein – die Kosten dafür übernimmt der Verein zwar, aber der Aufwand bleibt. Besonders absurd wird es an der Grenze: Hürden wie Strafregisterauskunft und ärztliche Untersuchung machen es manchmal sehr zeitaufwändig, einen neuen Fahrer überhaupt „auf den Bus“ zu bekommen. Da will jemand ehrenamtlich, unentgeltlich, seine Nachbarn durch die Gegend fahren – und muss sich erst einmal durch einen kleinen Verwaltungsparcours kämpfen. Niemand bestreitet, dass es Regeln für die Personenbeförderung braucht. Aber wenn die gut gemeinte Vorsicht dazu führt, dass Engagierte entnervt aufgeben, bevor sie angefangen haben, dann verhindert die Regel genau das, was sie schützen soll.

    Vertrauen statt Gängelung

    Das ist die eigentliche Lehre aus 25 Jahren Bürgerbus. Diese Menschen brauchen kein Kindermädchen, das ihnen erklärt, wie man verantwortungsvoll handelt – sie tun es längst, jeden Tag, freiwillig. Was sie brauchen, ist ein Staat, der ihnen vertraut und ihnen den Weg frei macht, statt ihn zuzustellen. Wer wissen will, wie ein schlankerer, ermöglichender Staat konkret aussähe, muss nicht nach Berlin oder Brüssel schauen. Er kann sich an die Haltestelle am Rovenkamp stellen und warten, bis der Bus kommt. Er kommt. Seit 25 Jahren.

    Mach mit

    Wie fast überall fehlt es auch hier an Fahrerinnen und Fahrern – ein paar Schichten im Monat reichen schon. Wenn du in der Grafschaft wohnst und überlegst, dich einzubringen: Die Freiwilligen-Agentur Grafschaft Bentheim vermittelt und ist unter 05921/961812 oder freiwilligenagentur@grafschaft.de erreichbar. Das schönste Jubiläumsgeschenk für einen Bürgerbus ist nämlich kein Applaus – es ist der Mensch, der sich ans Steuer setzt.

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  • Wenn das Dorf seinen Laden selbst baut: Der Dorfladen Ohne

    Wenn das Dorf seinen Laden selbst baut: Der Dorfladen Ohne

    Es ist eine Geschichte, die in tausenden Dörfern beginnt – und fast immer schlecht endet: Der letzte Laden im Ort macht dicht. Wer kein Auto hat, ist abgehängt, der Ortskern verödet, die Gemeinschaft verliert ihren Treffpunkt. In Ohne, einer kleinen Gemeinde in der Samtgemeinde Schüttorf, hat man dieses Drehbuch umgeschrieben. Nicht durch Warten auf eine Kette oder einen Investor, sondern durch Selbermachen.

    Aus der Not eine eigene Sache gemacht

    Die Idee entstand 2018, nachdem bekannt wurde, dass der private Betreiber des örtlichen Dorfladens aufgeben würde. Die Gemeinde fasste den Plan, auf einem eigens erworbenen Grundstück einen neuen Laden aufzubauen, um die Nahversorgung im Ort und in den Nachbargemeinden zu sichern. Heraus kam der „Dorfmarkt Ohne“ – betrieben von den Einwohnern selbst, organisiert als bürgergetragene Unternehmergesellschaft. Aus Kunden wurden so Mitbesitzer ihrer eigenen Infrastruktur.

    Der Laden ist mehr als ein Regal mit Grundnahrungsmitteln. Es gibt frische, regionale Produkte direkt von den Erzeugern und ein Café mit Innen- und Außenbereich, das zum Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft und zur Pause für Fahrradtouristen geworden ist. Genau das kann ein zentral gesteuerter Filialist kaum leisten: einen Ort, der nicht nur versorgt, sondern verbindet.

    Der Staat als Partner, nicht als Chef

    Ehrlich bleiben heißt auch: Das ging nicht ganz ohne öffentliches Geld. Das Land Niedersachsen förderte das Projekt mit rund 615.000 Euro, davon etwa 115.000 Euro über die Billigkeitsrichtlinie; bei der Eröffnung 2021 waren gleich zwei Minister vor Ort. Aber genau hier liegt die eigentliche Lehre – und sie ist besser als der Mythos vom „ganz ohne Staat“: Die öffentliche Hand hat den Start ermöglicht, geplant, gebaut und betrieben haben den Laden die Bürger selbst. Geld als Starthilfe, nicht als Gängelband. Eigentum und Verantwortung bleiben im Dorf. Das ist die richtige Arbeitsteilung zwischen Staat und Bürger – und ein Gegenmodell zur Dauersubvention, bei der oben bezahlt und unten verwaltet wird.

    Und dann denken zwei Ehrenämter zusammen

    Das schönste Detail kommt zum Schluss, und es schlägt die Brücke zu einer anderen Geschichte von hier. Wer nicht mehr gut aus dem Haus kommt, muss trotzdem einkaufen können. Also haben die Ohner ihren Laden mit dem „Ohner Dorfmarkt Mobil“ und einer Abholbox ausgestattet: Man bestellt bequem von zu Hause und lässt sich die Ware liefern oder an der Abholbox bereitstellen. Den Transport übernimmt – und hier wird es richtig gut – der ehrenamtliche Bürgerbus. Der Bürgerbusverein Schüttorf-Ohne-Wettringen unter seinem Vorsitzenden Johann Steinicke ist Projektpartner; seine Fahrer bringen die Waren aus der Warenbox am Dorfmarkt zu Abholstationen in Samern und Haddorf. Zwei ehrenamtlich getragene Säulen der Daseinsvorsorge – Laden und Bus – wurden einfach zusammengedacht. Genau diese pragmatische, lokal angepasste Intelligenz plant kein Ministerium am Reißbrett. Sie entsteht nur dort, wo Menschen ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen.

    Die Lehre

    Resilienz wächst von unten. Wo Markt und Staat sich zurückziehen, kann bürgerschaftliche Eigenverantwortung die Lücke füllen – wenn man sie lässt. Wie es die Bürgermeisterin der Gemeinde sinngemäß auf den Punkt brachte: Nur mit und durch die Bürgerinnen und Bürger lässt sich so ein Dorfladen zukunftsfähig betreiben. Ohne beweist, dass „Vertrauen statt Gängelung“ kein Slogan ist, sondern jeden Morgen die Ladentür aufschließt. Dorfgemeinschaft20

    Was du davon mitnehmen kannst

    Wenn in deinem Ort der letzte Laden wackelt: Es gibt einen Weg jenseits von Resignation. Schau dir an, wie Ohne es gemacht hat – und wenn du das nächste Mal in der Gegend bist, trink einen Kaffee im Dorfmarkt-Café. Du unterstützt damit nicht „ein Geschäft“, sondern deine Nachbarn.

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